Über die West Side Story …

 

Als Leonard Bernstein das Musical neu erfand …

 

Musicals am Broadway waren bis Mitte der 1950er Jahre vor allem leichte Unterhaltung. Und sie gingen natürlich immer gut aus, ein Happy End war obligatorisch.

Das änderte sich mit der „West Side Story“: Leonard Bernstein brachte erstmals ein gesellschaftliches Problem auf die Bühne – eher ein Drama als leichte Musical-Kost. Dabei gelingt die Verbindung von komischen und dramatischen Szenen mit einer großartigen Liebesgeschichte besonders gut und definierte musikalisch wie tänzerisch ein ganzes Genre neu.

 

Die Handlung ist eine Übertragung von William Shakespeares Tragödie „Romeo und Julia“ in das New York City der 1950er Jahre. Die Liebesgeschichte spielt sich dabei vor dem Hintergrund eines Bandenkriegs rivalisierender ethnischer Jugendbanden ab: der einheimischen „Jets“ und der „Sharks“, einer Gruppe eingewanderter junger Menschen aus Puerto-Rico, einem Teil der USA, die von den „Jets“ aufgrund ihres kulturellen Backgrounds nicht als Amerikaner akzeptiert werden . Eine Geschichte von Liebe, Tod und Hoffnung. Tony (ehem. Anführer der „Jets“) liebt Maria (eingewandert aus Puerto Rico). Und die liebt ihn. Aber alle sind dagegen. „Romeo und Julia“ in den New Yorker Hinterhöfen. Großes Drama mit Musik. Unsterblich schön – aber ohne Happy End! Nach der Hälfte der Aufführung liegen schon zwei Menschen tot auf der Bühne und auch der Protagonist Tony stirbt am Schluss. Die Geschichte von Tony und Maria endet tragisch.

Am 26. September 1957 wurde die „West Side Story“ am Broadway in New York uraufgeführt. Die Verfilmung des Musicals aus dem Jahre 1961 wurde mit zehn Oscars ausgezeichnet und machte das Musical einem Millionenpublikum bekannt. Bis heute steht die „West Side Story“ als unangefochtene Nummer 1 des amerikanischen Musiktheaters für sich: mutig, realistisch und so brisant wie am ersten Tag.

 

Die Entstehung

 

Die Idee für das Musical hatte der Choreograph und Broadway-Regisseur Jerome Robbins bereits zu Beginn des Jahres 1949: Eine Neufassung des Shakespeare-Klassikers als zeitgenössisches Drama, als Musical, angesiedelt in den USA. Sein Freund, der zu jener Zeit bereits recht bekannte Komponist Leonard Bernstein war begeistert. Er hatte bereits für das Stück „On The Town“ einen neuen amerikanischen Sound geschaffen. Urban, wild, jazzig.

Zusammen entwickelten sie ein Konzept zur „East Side Story“. Die Idee war, ein Musical zu schreiben, welches der Oper-Vorlage nicht zu nahe kommen sollte. Robbins schlug als Textautor den Schriftsteller, Regisseur und Broadway-Drehbuchautor Arthur Laurents vor. Bereits im April standen die Entwürfe für die ersten vier Szenen.

 

Bedingt durch andere Projekte der Protagonisten kam es jedoch erst acht Jahre später zur Umsetzung: Den finalen Anstoss gab ein Treffen Leonard Bernsteins mit dem Drehbuchautor Arthur Laurents im Beverly-Hills-Hotel am 25. August 1955 und ein gemeinsamer Blick auf die Schlagzeile der „Los Angeles Times“: „Sechs Täter im Gefängnis nach tödlichem Bandenkonflikt“ – ein Artikel über den gewaltsamen Tod von Robert C. Garcia, dem Anführer einer Gang junger Südamerikaner. Garcia ist 20 Jahre alt, als er nach einem Faustkampf mit einem Rivalen aus einer anderen Gang stirbt.

 

Bernstein wählte daraufhin als Thema die Rassenkonflikte zwischen Puerto-Ricanern und Amerikanern. Die ursprünglich angedachte Liebesgeschichte eines jüdischen Mädchen und eines irischen Katholiken im New York der 1940er Jahre erschien ihm mittlerweile als zu altmodisch.

 

„Wir hatten die Idee zu einer Art von Musik-Theater. Und wir waren uns intuitiv einig, was wir damit meinten“ sagte Laurents später. Bernstein ergänzt: „Die meisten Leute meinten: Diese Idee ist Quatsch. Du kannst kein Musical an den Broadway bringen, in dem es so viel Hass gibt und Feindseligkeit. Aber wir haben daran festgehalten.“

 

Die Ideen bei den Machern sprudelten. Von Anfang an mit dabei auch der Ideengeber Jerome Robbins: „Der eine hatte eine Idee für eine Szene, der andere hatte die passenden Verse. Es war ein Geben und Nehmen – ohne Pause.“ Robbins, Laurents und Bernstein merkten bald, dass noch ein Texter fehlt. Stephen Sondheim, gerade einmal Mitte 20 und damit gut 10 Jahre jünger als die drei anderen, stößt als Letzter dazu.

 

Das Stück hatte auch mit der Situation der vier Männer zu tun, mit ihrem Gefühl, zwei Minderheiten anzugehören. Sie waren Juden und schwul. „Das hat uns zusammengeschweißt: dieses Gefühl, dass Minderheiten benachteiligt werden in Amerika“, sagte Laurents.

 

Die Musik

 

Erstmals wurden bei der „West Side Story“ Tanz, Gesang und Schauspiel einzigartig und auf hohem Niveau miteinander verschmolzen, weshalb sie auch als „Mutter des Musicals“ bezeichnet wird und längst ein Musical-Klassiker ist.

Die Musik der „West Side Story“ wird in der Literatur als außergewöhnlich bewertet. Dem Komponisten Bernstein erschien die häufig vorgenommene Einteilung in „Ernste Musik“ und „Unterhaltungsmusik“ abwegig. So kombinierte er verschiedenste Musikelemente miteinander: verschiedene Jazzströmungen, klassische Oper und lateinamerikanische Tanzmusik. Die Verwendung bestimmter musikalischer Mittel charakterisieren die rivalisierenden Banden durch unterschiedliche Rhythmen und Stilrichtungen, verdeutlicht das dramatische Geschehen. So hat auch das Paar Tony und Maria seine eigene Musik. Maria ist musikalisch gesehen keine Puerto-Ricanerin und Tony ist kein Jet mehr in dem Moment, in dem sie sich begegnen.

Ganz nebenbei glückten Bernstein dabei einige zeitlose, unsterbliche Melodien wie „Maria“, „America“, „Tonight“, „One Hand, one Heart“ oder „Somewhere“. Fast jeder kennt sie, sie sind Evergreens und wurden immer wieder von verschiedenen Interpreten neu aufgenommen.

 

 

Das Original Creative-Team

 

 

Jerome Robbins

*11.10.1918 in New York City.

Idee, Konzeption, Regie und Choreografie.

Er absolvierte eine Ausbildung in Modern Dance und Ballett und begann seine Karriere 1937 als Tänzer in Musicals bevor er 1940 zum Ballett wechselte. Die erste eigene Choreografie war 1944 Fancy Free, das später zum Musical On the Town erweitert wurde. Berühmtheit erlangte Jerome Robbins als innovativer Choreograf verschiedener Broadway-Musicals wie unter anderem High Button Shoes (1947) und The King and I (1951). Weitere Musicals waren Peter Pan (1954), die legendäre West Side Story (1957) und Anatevka.

Neben zahlreichen Auszeichnungen wurde er 1976 mit dem Handel-Medallion (Händel-Medaille) von New York City, 1981 mit den Kennedy Center Honors und 1988 mit der National Medal of the Arts geehrt. Zu seinen akademischen Verdiensten zählen drei Ehrendoktortitel sowie 1985 die Ehrenmitgliedschaft der American Academy and Institute of Arts and Letters.

Jerome Robbins starb 1998 in New York.

 

 

 

 

Leonard Bernstein

* 25.8.1918 in Lawrence, Massachusetts (USA) als Sohn russisch-jüdischer Einwanderer.

Musik.

Komponist, Dirigent, Pianist, Lehrer und Humanist.

Der US-amerikanische Dirigent, Komponist und Pianist Leonard Bernstein gilt als großer Dirigent des 20. Jahrhunderts. Weltweit dirigierte er alle großen Orchester und trat in den bedeutendsten Opernhäusern auf.

Seine zahlreichen Kompositionen zeichnen sich durch Leidenschaft und eine große Formenvielfalt aus.

Sein bekanntestes Musical-Werk: die „West Side Story“.

Leonard Bernstein wurde am 25. August 1918 in Lawrence im US-amerikanischen Bundesstaat Massachusetts geboren. Er war der Sohn einer russisch-jüdischen Einwandererfamilie.

Es interessierte sich schon als Junge für Musik und begann im Alter von 10 Jahren Klavier zu spielen. An der Harvard-Universität studierte er Klavier und Komposition. Bereits im Jahre 1943 lieferte er seine erste Komposition ab und hatte auch im gleichen Jahr seinen ersten großen Auftritt als Dirigent der New York Philharmoniker, als er kurzfristig für den erkrankten Bruno Walter einsprang. Die eindrucksvolle Aufführung, die landesweit im Rundfunk übertragen wurde, brachte ihn auf die Titelseite der Zeitungen und machte ihn über Nacht berühmt. Das war der Beginn einer beispiellosen Karriere, die ihn steil nach oben brachte.

Nach drei Jahren als musikalischer Leiter des New York City Symphony Orchestra war er von 1951 bis 1955 in der gleichen Position in Tanglewood tätig sowie von 1957 bis 1958 bei den New York Philharmonic, deren Chefdirigent er 1958 in Nachfolge von Dimitri Mitropoulos wurde. In den siebziger Jahren war Bernstein einer der Pioniere, welche die Renaissance der Werke Gustav Mahlers auslösten. Mit Justus Frantz war Leonard Bernstein 1986 maßgeblich an der Gründung des Schleswig-Holstein Musik Festivals beteiligt. Am 23. und 25. Dezember 1989 dirigierte er Beethovens 9. Sinfonie in beiden Teilen Berlins, um den Fall der Berliner Mauer zu feiern.

Leonard Bernstein war der erste Star-Dirigent aus den USA. Neben seiner Dirigententätigkeit, die ihn zu allen großen Orchestern der Welt führte und ihn mit den berühmtesten Solisten zusammenarbeiten ließ, komponierte er für den Konzertsaal und das Ballett, schrieb Bühnen- und Filmmusiken und war zwischen Jazz und Neuer Musik mit Instrumentalstücken ebenso erfolgreich wie mit seinen Vokalwerken. Zu seinen bekanntesten Kompositionen zählen Fancy Free (1944), On the Town (1944), Peter Pan (1950), Trouble in Tahiti (1952), Wonderful Town (1952), Candide (1956), West Side Story (1957), Chichester Psalms (1965), Mass 1600 Pennsylvania Avenue (1976) und A Quiet Place (1983).

Er zeichnete sich sein ganzes Leben durch sein großes Engagement für die Jugend in aller Welt aus. Von 1951 bis 1956 lehrte er als Professor an der Brandeis University, Massachusetts. 1951 begann er seine Fernsehtätigkeit als Musikkommentator und -pädagoge (u. a. Young People’s Concerts). Sein Œuvre widerlegt das tief sitzende Vorurteil, E- und U-Musik seien im Werk eines Komponisten und auf hohem Niveau unvereinbar.

Am 14. Oktober 1990 starb Leonard Bernstein in seinem Haus in New York.

 

Arthur Laurents

* 14.7.1917 in New York.

Buch.

Als Autor schuf er neben West Side Story einige der erfolgreichsten Musicals, darunter, Gypsy (1959), Anyone Can Whistle (1964), Do I Hear A Waltz? (1965), Hallelujah Baby! (1967, Tony Award für Bestes Musical) und Nick & Nora (1991). Auch als Drehbuchautor konnte er Erfolge feiern, so schreib er die Drehbücher für The Snake Pit (1948), Rope (1948), Caught (1949), Anastasia (1956), Bonjour Tristesse (1958), The Way We Were (1973) und The Turning Point (1977), für das ihm der Golden Globe Award, der Screenwriters Guild Award, der Writers Guild of America Award und der National Board of Review Best Picture Award verliehen wurde. Die beiden letztgenannten Drehbücher gingen aus seinen Romanen hervor. Unter seinen Stücken finden sich Werke wie Claudio Lazlo, Home of the Brave, The Time of the Cukoo, A Clearing in the Woods, Invitation to a March, The Enclave, Scream, Two Lives, The Radical Mystique, My Good Name und Jolson Sings Again.

Des Weiteren zeichnete er für die Regie von zahlreichen Dramen und Musicals verantwortlich, darunter I Can Get It For You Wholesale (1962), Invitation to a March (1960), Anyone Can Whistle (1964), The Enclave, The Madwoman of Central Park West (1979), Birds of Paradise, drei Revivals von Gypsy mit Angela Lansbury 1974, Tyne Daly 1989 und Patti LuPone 2007, sowie La Cage Aux Folles, für das er 1984 mit einem Tony Award in der Kategorie „Beste Musical-Regie“ und 1985 mit dem Sydney Drama Critics Award for Directing bedacht wurde. 2009 inszenierte Arthur Laurents das Revival von West Side Story am New Yorker Broadway. Darüber hinaus schrieb er Radio-Episoden für Produktionen wie Hollywood Playhouse, Assignment Home, 1945 prämiert mit dem Variety Radio Award, The Thin Man, Army Service Force Presents, The Man Behind the Gun und This is Your FBI.

Zu Einrichtungen, die ihn mit weiteren Auszeichnungen ehrten, zählen das National Institute of Arts and Letters, die Writers Guild of America, Antoinette Perry (Tonys), Golden Globe Drama Desk, National Board of Review und der Sydney Drama Critics. Verzeichnet in der Theatre Hall of Fame, war er Mitglied des P.E.N., der Screen Writers Guild, der Motion Picture Academy of Arts and Sciences sowie emeritiertes Mitglied des Council of the Dramatist Guild.

Arthur Laurents verstarb am 5. Mai 2011 in seiner Heimatstadt New York.

 

Stephen Sondheim

* 22. März 1930 in New York.

Gesangstexte.

Der Komponist und Texter Stephen Joshua Sondheim wurde 1930 als Sohn eines wohlhabenden New Yorker Bekleidungsherstellers geboren, und wuchs in Bucks County, Pennsylvania, auf. Sondheim freundete sich mit dem Sohn des ganz in der Nähe wohnenden Komponisten Oscar Hammerstein II. an, der für ihn bald zum Mentor wurde. Er studierte Musik am Williams College in Williamstown, Massachusetts, und Komposition bei Milton Babbitt. Wie Hammerstein schrieb er gelegentlich Popsongs, mit Jule Styne für Tony Bennett, und hin und wieder für Filme, aber er kehrte immer wieder zum Theater zurück. Seine ersten großen Erfolge kamen 1957 als Texter für Leonard Bernsteins West Side Story, gefolgt von Gypsy für Jule Styne 1959. Er schrieb die Songtexte und die Musik zu A Funny Thing Happened on the Way to the Forum (1962) wie auch für Company (1970), Anyone Can Whistle (1964), Pacific Overtures (1976), Merrily We Roll Along (1981) und Assassins (1990). Besondere Erfolge feierte er mit Do I Hear A Waltz? (1965), Follies (1971), A Little Night Music (1973), Sweeney Todd (1979), Sunday in the Park with George (1984), Into the Woods (1987), Assassins (1991) sowie Passion (1994). Im Jahr 2003 feierte das Musical Bounce in Chicago Premiere, das 2008 unter dem Titel Road Show Off-Broadway zu sehen war.

Darüber hinaus komponierte Sondheim für Theaterstücke, Film und Fernsehen und arbeitete als Autor an Fernsehserien, Filmen und Dramen mit.

Von 1973 bis 1981 war Sondheim Präsident des Council of the Dramatist Guild. 1983 wurde er in die American Academy of Arts and Letters gewählt und die Oxford University lud ihn als ersten Gastprofessor für das Fach Zeitgenössisches Theater ein. Stephen Sondheim zählt heute zu den erfolgreichsten und einflussreichsten Persönlichkeiten der Musical-Szene, ausgezeichnet mit beinahe allen wichtigen Ehrungen und Preisen der Theater- und Filmwelt. So erhielt er als einziger Komponist allein achtmal den Tony Award, darunter die Sonderauszeichnung für sein Lebenswerk „Special Tony Award for Lifetime Achievement“, mehrere Grammys und Olivier Awards, den Pulitzer-Preis und einen Oscar für den Besten Song „Sooner or Later (I Always Get My Man)“ für die Comic-Verfilmung Dick Tracy.

Anlässlich seines 80. Geburtstags im Jahr 2010 verlieh ihm die Royal Academy of Music die Ehrendoktorwürde der University of London und die traditionelle Konzertreihe der London Proms widmete ihm und seinem Schaffen ein Konzert. Das New Yorker Henry Miller Theater wurde zu seinen Ehren in Stephen Sondheim Theatre umbenannt und am Broadway feierte die Show Sondheim On Sondheim Premiere. Ferner erschien der erste Band seiner Lyriksammlung unter dem Titel Finishing the Hat. 2013 eröffnete die 1993 gegründete Stephen Sondheim Society das Stephen Sondheim Society Archive.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Jerome Robbins – Idee, Konzeption, Regie, Choreographie

 

Leonard Bernstein, Musik

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Arthur Laurents, Buch

 

 

 

 

 

 

 

 

Stephen Sondheim, Gesangstexte

 

Bildquelle:

www.westsidestory.de